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The Dark Side of the Belle Époque. Political violence and Armed Associations in Europe before the First World War

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Das Europa der Vorkriegszeit: Bewaffnete Zusammenkünfte als tägliche Erfahrung

Forschende eröffnen neue Einblicke in die Rolle von Milizen, paramilitärischen Bewegungen, bewaffneten Organisationen und Bürgerwehren vor dem Ersten Weltkrieg.

Die organisierte politische Gewalt und bewaffnete Verbände vor dem Großen Krieg wurden nur spärlich untersucht. „Das ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass die Rolle der organisierten Gewalt im Europa der Vorkriegszeit unterschätzt wird. Das Europa der sogenannten Belle Époque war in Wahrheit ein Kontinent, auf dem die Ausübung organisierter Gewalt für Tausende Zivilistinnen und Zivilisten eine tägliche Erfahrung darstellte“, erklärt Matteo Millan, der Koordinator des EU-finanzierten Projekts PREWArAs. Daher bestand das Ziel von PREWArAs darin, einen umfassenden, mehrskaligen Überblick über bewaffnete Organisationen in Europa vor 1914 aufzustellen, indem verschiedene bewaffnete Verbände untersucht werden, die sich in Europa ausbreiteten und dort entstanden.

Bewaffnete Zusammenkünfte in der Belle Époque Europas

Rechtmäßige bewaffnete Zusammenkünfte von bewaffneten Verbänden waren ein Massenphänomen, an dem Tausende Menschen in Europa beteiligt waren. „Tatsächliche paramilitärische Gruppen wie die Ulster Volunteer Force (100 000 Männer im Jahr 1913), lang etablierte Milizen wie die Somatén armado de Cataluña (40 000 Mitglieder), private Polizeitruppen wie die deutsche Zechenwehr oder die britische Volunteer Police Force sowie zahlreiche Ausbildungsgruppen und Schützenvereine wie die Volunteer Cyclists and Motorists in Italien sind nur einige Beispiele“, sagt Millan. Einige dieser Gruppen wurden als Reaktion auf den zunehmenden Einfluss der Massenpolitik gegründet. „Diese Gruppen griffen auf (Schuss-)Waffen als legitimes Mittel politischen Handelns und sozialen Zusammenhalts zurück. Sie nutzten auch die Rechtsstaatlichkeit aus, um ihre Existenz und die Berechtigung zum Führen einer Waffe über die staatlichen Gesetze abzusichern“, ergänzt Millan. Die bewaffneten Verbände in Europa vor 1914 kamen zu einer Zeit auf, in der die politische Landschaft in Mittel- und Westeuropa einen wahrlich modernen Charakter annahm und in der nationale Armeen und moderne Polizeitruppen normal geworden waren. „Im Kern stellen bewaffnete Verbände aus zwei Gründen die dunkle Seite der Belle Époque dar. Zum einen, weil sie ein historisches Phänomen sind, das bisher nie ergründet wurde. Zum anderen komprimieren sie sämtliche Widersprüche einer Zeit in sich, die zwischen einer gewaltigen Demokratisierung und autoritären Versuchungen zerrissen war“, umschreibt Millan.

Bewaffnete Verbände und die Rolle von Waffen

Das Projekt bot Einblicke zu einem eher unerforschten Phänomen. Das Team hat erfolgreich die Korrelation zwischen den bewaffneten Gruppen auf der einen Seite und dem Mangel an Demokratisierung, den autoritären und faschistischen Regimes der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg oder dem Fehlen legitimer und wirksamer staatlicher Einrichtungen auf der anderen Seite hinterfragt. „Umgekehrt konnten wir zeigen, dass Menschen auch in einer Zeit und in Ländern, die sich durch Rechtsstaatlichkeit, zunehmende politische und soziale Rechte und immer mehr Volksbeteiligung auszeichneten, rechtmäßig bewaffnet zusammenkommen konnten“, berichtet Millan. Darüber hinaus wurden die langfristigen Lernprozesse der Kontaminierung, Adaption und Imitation zwischen bewaffneten Gruppen vor und nach dem Ersten Weltkrieg insbesondere in Westeuropa beleuchtet. Auch die unterschiedliche Bedeutung, die Gewalt in bewaffneten Verbänden vor 1914 annahm, wurde untersucht. Die Arbeit von PREWArAs umfasste außerdem den kulturellen und sozialen Hintergrund sowie die Fantasien der Mitglieder bewaffneter Verbände, von ihrem Sinn für Ordnung oder sozialen Frieden hin zu ihren Idealen bezüglich Männlichkeit und körperlicher Tüchtigkeit. „Zusammengefasst konnten wir im Projekt zeigen, dass Waffen in Europa vor 1914 alltägliche Objekte und ein wesentlicher Bestandteil des Sozial- und Privatlebens Abertausender Menschen waren“, schließt Millan.

Schlüsselbegriffe

PREWArAs, bewaffnete Verbände, Belle Époque, Europa vor 1914, organisierte politische Gewalt, Waffen

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