Skip to main content
European Commission logo
Deutsch Deutsch
CORDIS - Forschungsergebnisse der EU
CORDIS
CORDIS Web 30th anniversary CORDIS Web 30th anniversary

A cultural history of comparative art practices and receptions in Cold War Europe (1945-1991)

Article Category

Article available in the following languages:

Neubewertung des narrativen Konsens über künstlerisches Schaffen im Kalten Krieg

Analysen künstlerischen Schaffens in historisch/politisch konfliktreichen Zeiten gehen meist vom prägenden Einfluss der jeweils vorherrschenden Restriktionen aus. Um diese These zu widerlegen, untersuchte ein EU-finanziertes Projekt, wie kulturelle Auseinandersetzung und gegenseitige Inspiration Künstler und Künstlerinnen im Europa des Kalten Krieges über ideologische Grenzen hinweg in ihrem Schaffen beflügelten.

Forschungsstudien zum Kalten Krieg stellen in der Regel Konfrontation und Isolation in den Vordergrund: Der Eiserne Vorhang zog sich mitten durch Europa und teilte es in Ost und West – zwei gegensätzliche Hälften, die miteinander kaum im Austausch standen. In einem völlig neuen Ansatz wollte eine EU-finanzierte Forschungsstudie den bisherigen Konsens über das Europa des Kalten Krieges aufbrechen. Am Beispiel ausgewählter Kunstschaffender aus beiden deutschen Staaten sowie Italien, der ehemaligen Sowjetunion und Jugoslawien verglich das Projekt GYSIART Kunstpraktiken im Europa des Kalten Krieges, um zu widerlegen, dass unterschiedliche Ideologien Hemmnisse für künstlerisches Schaffen und kulturellen Austausch waren. Wie Projektkoordinator und Marie Skłodowska-Curie-Stipendiat Matteo Bertelé erklärt, „sollte GYSIART vor allem zeigen, dass der Eiserne Vorhang durchlässig war und künstlerisches Schaffen beflügelte, und dass der Kalte Krieg auch kulturellen Einfluss auf die Kunst im geteilten Europa nahm.“ Indem das Projekt die Durchlässigkeit des Eisernen Vorhangs und daraus resultierende grenzüberschreitende künstlerische Inspiration demonstrierte, sollte das bisherige Narrativ widerlegt werden, dass der Kalte Krieg lediglich Isolation und Antagonismus förderte.

Kulturelle Angleichung und künstlerische Integrität schließen sich nicht aus

Bei den sieben von Bertelé betrachteten Künstlern ist keine klare Einordnung in ihren jeweiligen politischen und kulturellen Kontext möglich. Vielmehr offenbart ihr künstlerisches Schaffen die Komplexität und Nuancen des Kalten Krieges. Allerdings wird auch dem binären Charakter des Krieges nicht vollständig widersprochen: Dualität und Opposition sind typisch für deren Zeit, die bewusst in das eigene künstlerische Schaffen eingebunden wird. Ein Beispiel dafür ist der russisch-amerikanische Bildhauer Ernst Neiswestny, geboren und aufgewachsen in der ehemaligen Sowjetunion, der 1976 über Westeuropa in die Vereinigten Staaten auswanderte. „Ernst Neiswestny hat sich vom Kommunismus nie per se abgewandt“, erklärt Bertelé, „sondern lebte seine Idee von der revolutionären und egalitären Gesellschaft in seiner monumentalen öffentlichen Kunst aus.“ So offenbarte sich bei allen Kunstschaffenden eine aktive Auseinandersetzung mit ihrem jeweiligen Kontext, ohne jedoch die restriktiven politischen Vorgaben und strengen Auflagen der Kunstinstitutionen zu überschreiten. Bertelé wollte zudem die bisher geltende westliche These von der „über allem stehenden“ und angeblich unpolitischen Kunst widerlegen, denn Kunstschaffende bezogen im kulturellen und politischen Zeitgeschehen durchaus eigene Positionen. „In ihrer künstlerischen Arbeit legten sie keinen sonderlichen Wert auf Purismus oder den Status des Avantgarde-Helden“, so Bertelé. Stattdessen wurden die gegebenen Umstände sogar genutzt, um Berühmtheit zu erlangen und den Wirkungskreis zu vergrößern. „So sah Westeuropa in Ernst Neiswestny und Lev Nusberg inoffizielle oder gar dissidente Künstler, obwohl sie in ihrem Heimatland auch staatlicherseits Auftragsarbeiten angenommen hatten“, erläutert Bertelé. Auf diese Weise enthüllt GYSIART ideologische Fehlinterpretationen und damit zusammenhängende pragmatische Vorteile einer konfrontativen politischen Einstellung. Ohne ihre Integrität aufgeben zu müssen, konnten Kunstschaffende ihre künstlerische Praxis an die jeweilige Situation anpassen und diese nutzen, um ihre eigene Kunst zu propagieren.

Grenzüberschreitende Einflüsse im Europa des Kalten Krieges

Zur Widerlegung dieser im Projekt analysierten Mythen und verzerrten Vorstellungen veröffentlichte Bertelé Beiträge in mehreren Fachzeitschriften. Die jeweiligen Werke der sieben Kunstschaffenden, die grenzüberschreitenden Kontakte und die ihnen gemeinsamen Werte führte er als Beleg für das hohe Maß an kulturellem Austausch an, der im geteilten Europa doch stattfand. Diese Artikel wurden in kontextualisierter Form in der 2020 erschienenen Monographie „Arte sovietica alla Biennale di Venezia (1924-1962)“ präsentiert.

Schlüsselbegriffe

GYSIART, Kalter Krieg, Eiserner Vorhang, Ernst Neiswestny, kultureller Austausch, künstlerische Praxis

Entdecken Sie Artikel in demselben Anwendungsbereich