Die Interpretation der Kosmologie des Aristoteles im Wandel der Zeit
Im Jahr 350 v. Chr. schrieb Aristoteles sein Werk „De Caelo“ – „Über den Himmel“ – eine Abhandlung, in der er seine Theorie des Kosmos in vier Büchern darlegte: zwei über die Bewegung des Himmels und der Himmelskörper und zwei über die Bewegung der irdischen Elemente. Seine Theorien wurden sofort von anderen Philosophen diskutiert, kritisiert und wiederholt kommentiert. Der älteste überlieferte Kommentar wurde 345 n. Chr. von dem Rhetoriker und Philosophen Themistius verfasst. „Themistius formulierte den Text von Aristoteles um, erweiterte ihn und fasste ihn zusammen, wobei er manchmal die Reihenfolge der Themen mit einem expliziten didaktischen Ziel umstellte“, erklärt Elisa Coda, Forschungsstipendiatin am Centre Jean Pépin Centre national de la recherche scientifique (CNRS, Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung) in Paris und leitende Forscherin von THEIA. „Er spricht Aristoteles einen Kosmos zu, den dieser nie erdacht hat.“ Themistius' Fassung wurde auf Griechisch verfasst, das Original ist jedoch verloren gegangen. Im 10. Jahrhundert wurde sie ins Arabische übersetzt, das ebenfalls verschollen ist, aber in einer hebräischen Übersetzung aus dem Jahr 1284 in Rom überlebt hat. Letztere wiederum wurde ins Lateinische übersetzt und im Jahr 1573 veröffentlicht.
Annäherung an den Originaltext von Themistius
Im Rahmen des EU-finanzierten Projekts THEIA hat Coda – deren Forschungsarbeit im Rahmen der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen unterstützt wurde – die hebräische Übersetzung des Themistius-Textes interpretiert, um ein neues Licht auf das Denken des Aristoteles im 4. Jahrhundert zu werfen. „Ich habe versucht, einen griechischen Text zu rekonstruieren, der gänzlich verschollen ist und nur in Form der Übersetzung einer Übersetzung überlebt hat“, erklärt Coda. „Ich habe die Rolle von Themistius bei der Gestaltung der Philosophie des ‚Aristoteles‘ hervorgehoben.“ In seiner Interpretation führt Themistius einen Dialog mit Alexander von Aphrodisias, einem berühmten griechischen Kommentator des Aristoteles, der im 3. Jahrhundert lebte. Themistius' Darstellung des aristotelischen Kosmos ist jedoch nicht nur von Alexander, sondern auch von dem Philosophen Plotin inspiriert.
Die Interpretation des Themistius
THEIA verfolgte einen zweigleisigen Ansatz und untersuchte sowohl die Textüberlieferung der Themistius-Paraphrase selbst als auch den Einfluss seiner Interpretation der Kosmologie des Aristoteles in der arabischen und lateinischen Philosophie des Mittelalters. „THEIA war vor allem wegen der Strategie der Paraphrase von Themistius bahnbrechend: Er legte Aristoteles die Lösung eines Problems in den Mund, das in Wirklichkeit nur Alexander oder Plotin in den Sinn gekommen war“, sagt Coda. „Dieser Aspekt wurde systematisch analysiert und dient als Modell für die Untersuchung anderer Paraphrasen.“
Sammlung von Zitaten des Aristoteles
Die wichtigste wissenschaftliche Leistung von THEIA war die Sammlung sämtlicher Zitate des Aristoteles aus „De Caelo“, die in Themistius' Paraphrase eingestreut waren. „Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Stand der Forschung, vor allem weil ich viel Mühe auf die Rückübersetzung dieser Zitate ins Griechische verwendet habe“, merkt Coda an. Diese Sammlung wird in Kürze als Artikel in der Fachzeitschrift „Studia graeco-arabica“ veröffentlicht. „In begrenztem Maße, denn eine Rückübersetzung ist immer eine künstliche Methode, haben wir nun Zugang zum Text von Aristoteles' ‚De Caelo‘, wie er im 4. Jahrhundert gelesen wurde, fünf Jahrhunderte vor dem ältesten Manuskript dieses Werks“, fügt Coda hinzu. Außerdem wird demnächst ein Handbuch über Themistius in der PATMA-Reihe veröffentlicht, die aktuelle Forschungsergebnisse über die Verbreitung spätantiker Interpretationen des aristotelischen Denkens liefert.
Schlüsselbegriffe
THEIA, Aristoteles, Philosophie, Themistius, Plotin, Alexander, Rückübersetzung, Übersetzung, Kosmos, Theorie