Schlechte Erinnerungen für immer verbannen
Eine gängige Behandlung für Angststörungen ist die Konfrontationstherapie. Ausgehend von der Extinktion von Erinnerungen nutzen Patienten neue Erfahrungen, welche den Lernprozess dahingehend beschleunigen können, dass eine zuvor als bedrohlich empfundene Situation jetzt sicher ist. Der Nachteil ist, dass die Angst zurückkehren kann. „Dieses Rückfallrisiko macht deutlich, dass weiterhin Behandlungsbedarf besteht“, betont Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiat Dr. Marijn Kroes, welcher die Forschung in diesem gesellschaftlich wichtigen Bereich über das Projekt ReconsolidationDynamics leitete. Zur Entwicklung von neuen Angsttherapien untersuchte das Team die neuronalen Mechanismen, welche der Modifikation spezifischer alter emotionaler Erinnerungen über die Manipulation oder „Rekonsolidierung“ dieser Erinnerung zugrundeliegen. Raus mit den alten Erinnerungen, rein mit den neuen Dr. Kroes erklärt mit Blick auf die Konsolidierung und Rekonsolidierung: „Neue Erinnerungen sind anfangs labil und manipulationsanfällig, im Laufe der Zeit, während einer Konsolidierungsphase, stabilisieren sich diese jedoch, sodass sie nicht mehr manipulationsanfällig sind.“ Die Forschung an nichtmenschlichen Tieren hat jedoch gezeigt, dass ein kurzer Erinnerungsreiz eine bestimmte alte Erinnerung wieder aktivieren und die Erinnerung vorübergehend wieder in einen veränderlichen Zustand versetzen kann. Die Rekonsolidierung bietet ein enormes klinisches Potenzial, da sie die dauerhafte Modifikation fehlangepasster Erinnerungen ermöglichen könnte, welche zu psychiatrischen Erkrankungen wie z. B. PTBS oder Suchterkrankungen beitragen. „Die Übertragung der Forschungsergebnisse von nichtmenschlichen Tieren auf Menschen und Patienten hat sich jedoch als schwierig erwiesen“, verdeutlicht Dr. Kroes. Warum die Rekonsolidierung nicht immer funktioniert Dr. Kroes erklärt: „Ich stellte fest, dass Erinnerungen, die Wissen um die Ereignisse einer Episode umfassen, nicht ohne Weiteres unterbrochen werden können, sondern tatsächlich über Rekonsolidierung verstärkt werden.“ Dies verdeutlicht, dass klinische Interventionen mit dem Ziel der Rekonsolidierung Risiken beinhalten, da sich die Situation für Patienten verschlechtern könnte, falls Interventionen fehlschlagen. Dies trifft vor allem auf die Übertragung konditionierter Angsterinnerungen in Bezug auf einfache Reize zu, die z. B. von einem Spinnenbiss bis hin zu Erinnerungsarten mit umfassenderen Assoziationen reichen. „Diejenigen [Erinnerungen], die Wissen um den Umgebungskontext beinhalten, scheinen schwieriger modifizierbar zu sein“, betont Dr. Kroes. Die Forscher enträtselten auch, warum diese alten emotionalen Erinnerungen so schwierig zu modifizieren sind. „Während der anfänglichen Konsolidierungsphase werden neu erworbene emotionale Erfahrungen gegenüber konkurrierenden nichtemotionalen Erfahrungen in ausgeprägte Erinnerungen segmentiert, um die emotionalen Erinnerungen vor Interferenzen zu schützen“, erklärt Dr. Kroes. Im Zuge von ReconsolidationDynamics wurde eine neuartige Aufgabe konzipiert, um zu prüfen, wie intensivere emotionale Erfahrungen zu einer größeren Generalisierung von Angstreaktionen führen. „Ich entwickelte auch einen neuen Test, um Angsterinnerungen in Bezug auf kontextuale Umgebungen zu erforschen und wir verwenden diesen derzeit, um die Rekonsolidierung bei diesen Arten von Erinnerung zu untersuchen“, merkt Dr. Kroes an. Gleichzeitig betrachteten die Forscher alternative Methoden, um Angsterinnerungen zu reduzieren und es wurde das sogenannte Extinktionslernen untersucht. Diese Arbeit enthüllte, das neue Erfahrungen die Lerngeschwindigkeit in Hirnregionen verbessern, welche für die Hemmung von Angstreaktionen zuständig sind. Die Forschung an der Modifikationsbehandlung von Erinnerungen geht weiter Über eine laufende Datenanalyse wird ein neuronaler Marker für die Rekonsolidierung identifiziert und quantifiziert, welcher den Verlust von konditionierten Angsterinnerungen beim Menschen prognostiziert. „Ich beginne demnächst eine Studie an Nagetieren, um selbige Frage zu beantworten“, sagt Dr. Kroes. Gleichzeitig werden weiterhin Experimente mit Menschen und Nagetieren durchgeführt, um zu bestimmen, wie der Kontext, die Intensität einer aversiven Erfahrung und die kognitive assoziative Struktur von emotionalen Erinnerungen als Randbedingungen für die Induzierung der Rekonsolidierung dienen. „Der nächste wichtige Schritt ist die Untersuchung der Modifikation von tatsächlichen traumatischen Erinnerungen im Alltagsleben von Patienten“, lautet die Zusammenfassung von Dr. Kroes.
Schlüsselbegriffe
ReconsolidationDynamics, Erinnerungen, Rekonsolidierung, Erfahrungen, Angst, PTBS, Extinktion, posttraumatische Belastungsstörung, kognitive assoziative Struktur